Zur Schulschliessung in Wangen an der Aare

In diesem Beitrag zeichne ich anhand der Berichterstattung in der BernerZeitung (vom 21. bis 25. Januar 2021) sowie den Meldungen des Kantons Bern (Medienmitteilungen und Rückfragen auf Twitter) nach, welche Begebenheiten sich in Wangen im Zusammenhang mit der erfolgten Schulschliessung zugetragen haben. Dazu folgt einleitend eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse, weiter unten verlinke ich die Artikel aus der BernerZeitung und bespreche diese mit Hilfe einiger illustrierender Zitate (kursiv).

Fälle in Wangen In Wangen an der Aare wurden zuerst eine Lehrperson (17. Januar) und zwei Kinder (18. Januar) positiv auf das Coronavirus getestet. Im weiteren Verlauf häufen sich die Fälle exponentiell. Nachdem zuerst nur wenige Klassen in Quarantäne versetzt wurden, wird die Schule schliesslich ganz geschlossen.

Engagierter Schulleiter Zuerst werden auf Betreiben des Schulleiters Oetliker die einzelnen Klassen in Quarantäne geschickt, dies offenbar eher gegen den Widerstand des Kantonsarztamtes. In der Folge erhärtet sich der Verdacht auf das Vorhandensein der neuen Mutationen und nach einem raschen Ansteigen weiterer positiver Fällen ordnet das Kantonsarztamt (offenbar nach langem Hin und Her) die Schulschliessung an.

Mitteilungen des Kantons Bern Der Kanton Bern veröffentlicht am 25. Januar eine Medienmitteilung, wonach der der Kanton Bern „eine Durchtestung aller Schülerinnen und Schüler, der Lehrpersonen und allenfalls des administrativen Personals durchführen“ wird (Medienmitteilung Kanton Bern 25.01.2021) Auf Rückfrage stellte sich jedoch heraus, dass die Tests auf Freiwilligkeit basieren (Twitterantwort Kanton Bern 25.01.2021), obwohl der Kanton gemäss Epidemiengesetz die Möglichkeit hätte, Tests zu verfügen: „Bei Verdacht können Tests nach dem Epidemiengesetz verfügt werden, Massentests ohne Anhaltspunkte aber nicht.“ (Twitterantwort Kanton Bern 26.01.2021) Die Frage, ob die Anhaltspunkte mit dem Vorfinden der neuen Mutationen nicht gegeben sei, wurde noch nicht beantwortet.

Quarantäne Es wurde nur ein Bruchteil der nach Hause geschickten Schulkinder und Lehrpersonen in Quarantäne versetzt (ca. 60 von 400 Personen sind in Quarantäne). Die Gesundheitsdirektion orientierte sich dabei gemäss ihrem Sprecher Gundekar Giebel an den vom BAG am 22. Januar offenbar gelockerten Quarantäneregeln. Giebel kann nicht ausschliessen, dass bereits „am nächsten Tag“ wieder andere Regeln gelten würden – „der Umgang mit der gesamten Pandemie und deren Dynamik sei aktuell «extrem schwierig».“ (BZ 25.01.2021) Auch die Eltern der betroffenen Kinder müssen nur zur Hälfte in die selbstgewählte Quarantäne (sie haben die Wahl, welcher Elternteil mit dem Kind in der Quarantäne bleiben solle).

Appell des Schulleiters Der sehr besorgte Schulleiter Oetliker wandte sich aus eigener Initiative an die Eltern und formulierte ein dringliches Anliegen: «Wir bitten dringend darum, dass sich die Kinder und Jugendlichen so verhalten, als wären sie in Quarantäne. Nur so macht die Schulschliessung Sinn

Artikel BZ 21.01.2021 Klassen in QuarantäneSeit Montag läuft das Telefon heiss bei Andreas Oetliker. Ein erstes Kind aus einer der beiden 3./4. Klassen im Aarestädtli wird zu jenem Zeitpunkt positiv auf das Coronavirus getestet, bald darauf folgt in der anderen Klasse das zweite.“ Der Schulleiter nimmt sofort mit dem Kantonsarztamt Kontakt auf (nicht zum ersten Mal – eine Lehrperson wurde bereits am WE positiv getestet). „Beim Kanton heisst es beim ersten Anruf noch, solange keine Schülerinnen und Schüler infiziert seien, werde der Unterricht weitergeführt.“ Aber auch bei den ersten weiteren, positiv getesteten Kindern verordnet das Kantonsarztamt noch keine Klassenschliessung. Nachdem weitere Kinder krank werden macht der Schulleiter macht Druck beim Amt, mit Erfolg: Am Mittwoch verordnet diese dann doch, dass die Klassen geschlossen werden. Bis am Donnerstag werden weitere 8 Kinder positiv getestet. Weil die anderen Lehrkräfte, welche die beiden Klassen unterrichtet hatten, MNS trugen und oft gelüftet hatten, schickte das Kantonsarztamt sie nicht in Quarantäne. Allerdings sind etwa 15 Kinder aus anderen Klassen ebenfalls in Quarantäne – sie fuhren mit einem positiv getesteten Kind im Schulbus mit. Der Schulleiter führt zahlreiche Gespräche mit besorgten Eltern und räumt ein, dass eine Schliessung der Schule einfacher wäre, jedoch nicht in seiner Kompetenz liege. Die Kinder in der Quarantäne werden online via Lernplattform unterrichtet. In Wangen wurden vor der aktuellen Situation keine positiven Fälle bekannt, allerdings blieben einige Kinder nach den Weihnachtsferien zuhause: „Weil in den Familien Symptome aufgetreten waren. Das sei ganz im Sinne des Schutzkonzeptes, betont der Schulleiter: «Wir haben schon früh beschlossen, im Zweifelsfall immer den vorsichtigeren Weg zu gehen.

Artikel BZ 24.01.2021 Schulschliessung erste Episode Die Zahl der Fälle nimmt exponentiell zu – waren es zuerst zwei Kinder aus zwei 3./4. Klassen, stieg die Zahl der positiv getesteten Fälle bis am Donnerstag auf 8, bis am Wochenende auf 16. Zwei Lehrpersonen sind ebenfalls erkrankt. Die Schule wird nun geschlossen und alle Kinder müssen in Quarantäne bis zum 30. Januar: „Das Kantonsarztamt habe nach langem Hin und Her beschlossen, die Schule vorsichtshalber zu schliessen, heisst es in einer Mitteilung an die Eltern auf der Website der Schule.“ Zwei Klassen waren ja bereits in Quarantäne und es war inzwischen klar geworden, dass einzelne Fälle von B1.1.7 (mutiertes Virus aus Grossbritannien) unter den positiv getesteten Fällen waren. Die Schülerinnen und Schüler in Quarantäne sind jedoch nicht verpflichtet, sich ebenfalls testen zu lassen. Und: „Von der Quarantäne ausgenommen sind die Eltern der betroffenen Kinder.“ Ab Dienstag wechselt die Schule in den Fernunterricht. Eltern, die ihre Kinder testen lassen möchten, werden weiter verwiesen an das Testzentrum beim Bürgerspital in Solothurn: „Denn die Schulärztin habe nicht die Kapazität, Tests in grossem Umfang durchzuführen.“

BZ Artikel 25.01.2021 Schulschliessung zweite Episode Der Sprecher der Gesundheitsdirektion Gundekar Giebel bestätigt, dass die Fälle laufend zunehmen. Beim Kanton geht man davon aus, dass „es sich in vielen Fällen um die britische Mutation des Virus handle„. Da nach den ersten Fällen in der Primarstufe auch Fälle aus der Oberstufe dazu kamen, beschloss die Schulleitung, die gesamte Schule inklusive Tagesschule zu schliessen. Der Kindergarten war bereits geschlossen (Grund: ein weiterer, bisher noch nicht erhärteter Verdacht) und auch die Aussenstandorte Walliswil-Wangen und Wangenried bleiben bis Ende Januar zu. Der Schulleiter hat die Schliessung mit dem kantonsärztlichen Dienst abgesprochen – der Kanton selber hätte nur die ersten bis siebten Klassen geschlossen, allerdings hatte der Schulleiter dann doch die Kompetenz, „eine administrative Schliessung, die über die kantonsärztliche Anordnung hinausgeht, umzusetzen“ (Gundekar Giebel).

Jedoch: Nur ein kleiner Teil der insgesamt 400 Schulkinder und Lehrpersonen werden nach der Schulschliessung in Quarantäne geschickt: „Tatsächlich müssen selbst von den Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften der Primarstufe, die der Kantonsärztliche Dienst nach Hause geschickt hat, nur die rund 60 Personen aus Klassen mit bereits bekannten Fällen in Quarantäne„. Der Schulleiter war davon ausgegangen, „dass die sofortige Quarantänepflicht für alle Kinder, Jugendlichen und LP der gesamten Schule sowie für deren enges Umfeld gelte“. Gemäss Gundekar Giebel orientiere sich die Gesundheitsdirektion „bei ihrem Entscheid exakt an den Empfehlungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG), das die Quarantäneregeln am 22. Januar gelockert hat“ Aber: „Tatsächlich könnten auch im Kanton Bern die Quarantäneregeln schon am nächsten Tag wieder ändern, räumt Gundekar Giebel ein. Der Umgang mit der gesamten Pandemie und deren Dynamik sei aktuell «extrem schwierig». Die verantwortlichen Stellen stünden in stetem Austausch.“

Der Kanton setzt nun darauf, die Schülerinnen und Schüler, LP und allenfalls auch administrativ Mitarbeitenden der gesamten Wanger Schule sowie auch Eltern zu testen. Allerdings: „Die Tests seien wie immer freiwillig, sagte Gundekar Giebel„.

Der Schulleiter hat daraufhin den Eltern einen Brief geschrieben und bittet sie um Mithilfe: «Wir bitten dringend darum, dass sich die Kinder und Jugendlichen so verhalten, als wären sie in Quarantäne. Nur so macht die Schulschliessung Sinn». Ob die Schule anfangs Februar schon wieder öffnen wird ist offen. Schulleiter Oetliker will weiterhin «dafür einstehen, dass man einen vorsichtigen und sicheren Weg weitergeht»„.

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