Braucht es nun einen Wechsel zum Fernunterricht an der Oberstufe?

In diesem Beitrag versuche ich, mich möglichst differenziert mit der Rolle der Schulen und Kinder in der Schweiz im Verlauf der Pandemie sowie mit dem Vorgehen der Entscheidungsträger auseinanderzusetzen. Ziel des Beitrags ist es nicht, einzelne Entwicklungen zu werten, sondern diese – soweit ich sie verfolgen konnte und sie sich mir dargestellt haben – nachzuzeichnen. (Stand 23.01.2021)

Verbunden damit stellt sich für mich persönlich die Frage, ob die gegenwärtige Entwicklung mit den neuen Mutationen – und die in diesem Zusammenhang zu beobachtenden Entwicklungen in anderen Ländern – nicht nahelegen würden, die Massnahmen in den Schulen nun umgehend zu verschärfen. Insbesondere frage ich mich, ob nicht als weitere Eskalationsstufe der Wechsel zum Fernunterricht für die Oberstufe flächendeckend und für einige Woche vollzogen werden müsste. Ich werde die Frage nicht abschliessend beantworten können. Ich hoffe nur, dass alle Entscheidungsträger sich der Verantwortung bewusst sind, was ein allenfalls zu spätes Umsetzen notwendiger Massnahmen für die weitere Entwicklung der Pandemie bedeuten könnte.

Ich beginne mit einem Rückblick zur Entwicklung der Schul- und Kinderfrage in der Schweiz, gefolgt von aktuellen Ereignissen.

Offene Fragen In den letzten Tagen wurde die Frage nach dem Umgang mit den Schulen in der Schweiz immer dringlicher: Bleiben sie offen? Müssen sie geschlossen werden? Was bedeutet Fernunterricht für die Kinder und Jugendlichen? Ist er zumutbar oder führt er zu längerfristigen und irreparablen Schäden bei den Betroffenen? Wie ist Chancengleichheit zu verstehen und zu gewichten? Wie muss die Entwicklung mit den neuen Mutationen gewichtet werden?

Was bisher geschah Täglich vermeldet die Tagespresse nun neue Fälle in Schulen. Unter anderem auf Twitter wird eine engagierte Diskussion geführt, Fakten zusammengetragen und die aktuelle Entwicklung in der Schweiz teilweise stark kritisiert. Seit Längerem sind internationale Erkenntnisse aus durchgeführten Studien vorhanden, welche die Rolle der Kinder im Zusammenhang mit dem Infektionsgeschehen aufzeigen. Dies aus mehreren Perspektiven: Es scheint inzwischen klar zu sein, dass Kinder sich genau so oft infizieren wie Erwachsene, allerdings i.d.R. mit asymptomatischen oder leichteren Verläufen. Ebenfalls scheint unumstritten, dass auch Kinder andere Personen anstecken können. In Bezug auf die Schulen scheint sich der Konsens herausgebildet zu haben, dass bei tiefen Fallzahlen und guten Schutzmassnahmen offene Schulen «riskiert» werden können. Sobald jedoch die Fallzahlen steigen, werden offene Schulen problematisch, da sie quasi ein «Spiegel des Pandemiegeschehens» werden (Drosten). Aus diesem Grund diskutierten etliche Länder Schulschliessungen bereits letzten Dezember, als die Fallzahlen vielerorts wieder anstiegen und die Weihnachts- und Neujahrsferien bevorstanden. Deutschland schloss die Schulen bereits einige Tage vor Weihnachten und hat sich übrigens auch jetzt wieder dazu entschlossen, die Schulen ganz zu schliessen und auf Fernunterricht zu wechseln. Auch andere Länder haben den Schritt der Schulschliessung vollzogen.

Schulschliessungen und Teststrategie In der Schweiz wurde diese Diskussion vor Weihnachten noch kaum geführt und die Schulen blieben vielerorts bis am 24. Dezember geöffnet. Es ist m.E. nicht erstaunlich, dass das öffentliche Bewusstsein hier weniger geschärft ist, da die Schweiz sich früh dafür entschieden hat, der Kinder- und Schulfrage im Zusammenhang mit der Pandemie weniger Gewicht beizumessen. Meines Wissens wurde darauf verzichtet, ein nationales Monitoring für Schulen aufzubauen und eine nationale Teststrategie zu entwickeln. Für den Schulbereich sind die Kantone und die Kantonsärzte zuständig. Es wurde verfügt, dass Kinder unter 12 Jahren nicht getestet werden und ältere Kinder nur bei starker Symptomatik. Zusammen mit dem Umstand, dass (meines Wissens) in der Schweiz im Jahr 2020 nur zwei Studien explizit zu Kindern durchgeführt wurden – die Ciao Corona Studie aus Zürich sowie eine Studie in Genf mit Erkenntnissen zur Antikörperrate von Kindern – ergab sich aus dieser «Minimalteststrategie» in der Konsequenz, dass in der Schweiz kaum Daten zu Kindern resp. Ansteckungen in Schulen vorhanden sind. Gemäss der Genfer Studie sind jüngere Kinder massiv «untertestet» – was sich vermutlich auch durch die Tatsache erklären lässt, dass Abstrich-Tests durch die Nase bis in den Rachen für kleinere Kinder nicht so leicht zumutbar sind. Die Ansteckungen von Kindern und Jugendlichen werden daher in der Statistik grundsätzlich den Familien zugeordnet, was zu einer sehr hohen Ansteckungsrate in den Familien führt. Inwiefern die Kinder sich in der Schule anstecken und das Virus in die Familie tragen oder umgekehrt, kann aufgrund der in dieser Phase geltenden Teststrategie meines Erachtens nicht genauer bestimmt werden.

Bildungspolitische Fragen In der bildungspolitischen Auseinandersetzung dominierte nach dem Shutdown im letzten Frühling meines Wissens vor allem die Frage der Auswirkung des Fernunterrichts auf die Kinder und Jugendlichen. Die Frage der Chancengleichheit und des Rechts auf Bildung wurde hoch gewichtet. Es wurden Studien gemacht, berücksichtigt und zitiert, welche aufzeigen, dass Kinder ohne sogenannten «Bildungshintergrund» in dieser Zeit keine Lernfortschritte machen konnten und stark unter dem Fernunterricht gelitten haben. Offenbar waren ca. ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen von dieser Situation betroffen. Gleichzeitig haben aber auch ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen mehr Fortschritte gemacht und somit vom Fernunterricht profitiert. Die Situation in den Familien war in der Zeit des Shutdowns teilweise sehr angespannt – Homeoffice der Eltern mit gleichzeitiger Kinderbetreuung stellte sich auf die Länge als sehr schwieriges Unterfangen heraus. Offenbar haben auch viele Kinder unter einer Zunahme von Gewaltausübung in den Familien gelitten. Gestützt auf diese Befunde setzte sich in den bildungspolitischen Gremien verständlicherweise die Auffassung durch, ein erneuter Shutdown mit flächenfleckendem Fernunterricht müsse auf jeden Fall vermieden werden und es gilt seither die Losung, Fernunterricht nur noch als ultima ratio umzusetzen. In der Folge wurden mögliche Handlungsoptionen erarbeitet, es sind dies differenzierte Planungen mit verschiedenen Eskalations-Stufen. Diese umfassen u.a. Halbklassenunterricht, Hybridunterricht, Fernunterricht sowie die Schliessung einzelner Schulen für einen bestimmten Zeitraum.

Neue Mutationen und strengere Massnahmen Seit dem Auftreten der neuen und viel ansteckenderen Mutationen wie B1.1.7 werden weitere Massnahmen wie ein verstärktes Testen an Schulen (Spucktests) sowie die Umsetzung einer verschärfte Quarantäneregel diskutiert und umgesetzt. Der Lehrerverband fordert einen besseren Schutz für die Lehrpersonen, u.a. wird eine Änderung der Impfstrategie und die frühere Berücksichtigung der Lehrpersonen gefordert. Auch das Tragen von FFP2-Masken soll den Schutz der Lehrpersonen verstärken.

Forderung der EDK an den Bundesrat Mit dem Schreiben vom 15. Januar 2021 forderte die EDK den Bundesrat auf, generell auf eine Einführung von Fernunterricht zu verzichten und diesen auch nicht auf die Oberstufe anzuwenden. Dies sei insofern heikel, als ein Wechsel der Oberstufe auf Fernunterricht einen Druck auslösen würde, auch die Primarstufe zu «schliessen». Die EDK kommt zum Schluss, dass die getroffenen Massnahmen an Schulen effektiv umgesetzt werden und geht davon aus, dass «das anhaltend tiefe Niveau der Ansteckungszahlen in den Schulen … wohl nicht zuletzt auf die strenge Umsetzung dieser Massnahmen zurückzuführen» sei.

Einschätzung der Taskforce Die wissenschaftliche Taskforce des Bundes veröffentlichte am 20. Januar eine Einschätzung unter dem Titel «Bewertung von Massnahmen in Schulen», in welchem sie einleitend auf die Komplexität der Fragestellung eingeht. Die Taskforce legt daher der Einschätzung eine Systematik zugrunde, welche «unterschiedliche epidemiologische Situationen, verschiedene Schulstufen, verschiedene Massnahmen, positive und negative Auswirkungen sowie die Zuverlässigkeit der Evidenz berücksichtigt». Es wird weiter festgehalten, dass die Einschätzungen keine Empfehlungen seien und es somit auch keinen Widerspruch darstelle, wenn «Entscheide zu Schulen nicht genau mit der wissenschaftlichen Beurteilung von Vor- und Nachteilen von Massnahmen übereinstimmen». Die Umsetzbarkeit, die Akzeptanz und andere, nicht die Schulen betreffende Massnahmen zur Pandemiebekämpfung müssten «als Gesamtes beurteilt werden.» Die Taskforce kommt zum Schluss, dass es «ein breites Spektrum von Massnahmen» gebe, die noch nicht ausgeschöpft seien und deren Einsetzung von «der epidemiologischen Situation und der Schulstufe abhängen». Auch wenn sich die Lage verschlechtere, könne «in weiteren Eskalationsstufen und in koordinierter Weise über Kantone hinweg» weitere Massnahmen ergriffen werden. Im Anschluss werden die einzelnen Massnahmen detailliert auf ihre Vor- und Nachteile beim Vorliegen einer bestimmten epidemiologischen Situation besprochen. Die epidemiologische Situation wird unterschieden in «unter Kontrolle», «gefährlich» und «sehr gefährlich».

Diskussion in der SRF-Arena Die Arena vom 22. Januar, in welcher unter anderem die Schulfrage diskutiert wurde, zeigte beispielhaft auf, dass es auf der politischen Ebene einen starken Konsens gibt, auf den Übergang zu flächendeckendem Fernunterricht zu verzichten. Dies widerspiegelt auch den generellen Diskurs, dass insbesondere die Primarstufe geöffnet bleiben und frühestens ab Sekundarstufe 1 Fernunterricht eingeführt werden sollte.

Neue Sorgen zur Mutation B1.1.7 Ebenfalls am 22. Januar schreibt der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt über die Berichte, dass B1.1.7 möglicherweise nicht nur viel ansteckender, sondern 30% tödlicher als andere Varianten sei. Die Annahme sei jedoch noch nicht gesichert. Auch die BBC bringt einen entsprechenden Bericht, auf Twitter finden sich zahlreiche weitere Beiträge.

Anstieg der Fallzahlen Gemäss Tanja Stadler von der Taskforce macht die Mutation nunmehr 5% aller Fälle in der Schweiz aus (Aussage vom 22.01.2021). Bisher verdoppelt sich die Zahl mit diesen Ansteckungen jede Woche und entspricht der Entwicklung in Grossbritannien und Dänemark. Gemäss Stadler sollten die Kontakte reduziert werden, um die weitere Ausbreitung zu verhindern.

Fernunterricht für obere Stufen Angesichts dieser aktuellen und sich möglicherweise bald nochmals verschärfenden Ausgangslage stellt sich für mich daher die Frage, ob nun nicht ein koordinierter Wechsel auf Fernunterricht in der Oberstufe in allen Kantonen angebracht wäre. Dies auch unter der Berücksichtigung des Mobilitätsrückgangs, wobei ich insbesondere an die längeren Wege im ÖV für Gymnasiasten und Berufsschüler denke. Der Kanton Aargau und der Kanton Solothurn haben diesen Wechsel im Übrigen bereits vollzogen.

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